Maximilian, es tut mir so unglaublich leid, dass ich dir den Start in dein Leben nicht einfacher machen konnte!  Es fehlte mir einfach die Kraft. Ich liebe dich.


Endlich, SSW 38.5, im Bett um 21:30 Uhr, etwa 5 Sekunden nach dem mein Mann sagte: "Gottseidank nicht heute, nach diesem scheiß Tag!" der Blasensprung. 

Es begann also schon so, dass mein Mann und ich nach einem anstrengenden Tag im Bett lagen und eigentlich gerade die Augen zumachten. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon total K.O.

Natürlich freuten wir uns dass es jetzt los ging und ich rief die Rettung, da mir damals gesagt wurde, dass der Kopf meines Babys im Becken nicht fixiert ist und ich mich bei einem Blasensprung hinlegen soll um zu vermeiden, dass die Nabelschnur um den Hals rutscht. Etwa 30 Minuten nach dem Blasensprung (also im Rettungsauto) spürte ich die ersten leichten Wehen.

Nach den ersten Untersuchungen im Krankenhaus wurde mir gesagt, dass soweit alles in Ordnung ist und ich ruhig noch umher gehen darf. Darüber war ich etwas verwundert und ich hatte Angst, dass die Nabelschnur dann doch um seinen Hals rutscht.

Mein Mann kam im Krankenhaus an und begleitete mich die ersten Stunden meiner inzwischen höllischen Wehen. Jedes Mal wieder wurde ich durch die Wucht des Schmerzes überrumpelt.

Die Hebamme teilte meinem Mann mit, dass er die Nacht über noch nach Hause fahren kann, denn die Geburt würde noch länger auf sich warten lassen. Für mich war das in Ordnung denn mein Mann konnte mir ja auch nicht helfen.

Die ganze Nacht über habe ich Kreise durch das Kreiszimmer gezogen. Nach 15h heftigen Wehen war der Muttermund immer noch komplett geschlossen und ich bereits am Ende meiner Kräfte. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits 3x in der Badewanne um mich etwas zu entspannen. Aber um ehrlich zu sein hat es mir überhaupt nichts gebracht.

Schließlich kam der Arzt hinzu und empfahl mir die PDA, die ich ungern annahm. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits 31h durchgehend wach. Mein Mann musste das Kreiszimmer verlassen und mir wurde die PDA gelegt. Ich kam mir vor als bereite man mich auf eine riesen OP vor. Es war mir nahezu unmöglich mich hinzusetzen und einen runden Rücken zu machen, geschweige denn ruhig zu halten. Daher war es dem Arzt nicht auf Anhieb möglich richtig zu stechen und es dauerte bis die PDA endlich richtig saß. 

Innerhalb einer Stunde ging der Muttermund auf. Die Wehen waren für mich eine absolute Höllenqual und ich konnte mich auf keine einzige einlassen. Mein Körper wehrte sich mit allen Mitteln.

Mir wurde unglaublich heiß daher bat ich die Hebamme verzweifelt das Fenster zu öffnen aber sie blockte ab. Mein Mann band mir meine Haare zusammen jedoch half mir alles nichts. Die PDA stellte sich für mich als Horror pur heraus.

Absolut kraftlos zog ich mein Krankenhaus Hemd aus und lag ab diesem Zeitpunkt komplett nackt da.

Es folgten Wehen über Wehen und ich hatte das Gefühl absolut hilflos und völlig machtlos diesen Kampf zu verlieren. Ich merkte, dass mir mein Mann zwischendurch immer wieder mit einem Strohhalm Wasser zum Trinken gab. Und einmal sogar Schokolade um wenigstens wieder ein bisschen Energie zu tanken.

Die Schmerzen waren trotz PDA unerträglich und ich konnte keine Sekunden länger auf dem Rücken liegen. Unter Tränen versuchte ich mich in den Vierfüßler Stand zu drehen. Ich weiß nicht was ich mir aus dieser Position erhofft hatte, und wie ich es überhaupt dahin geschafft habe, aber eine kleine Welt brach für mich zusammen als ich merkte, dass mir diese unglaublich anstrengende Drehung absolut nichts gebracht hat.

Wieder zurück auf dem Rücken habe ich eigentlich keine Erinnerungen mehr, bis mir von einer Sekunde auf die andere das Kreißzimmer angefüllt wurde.

Plötzlich waren da 3 Männer und 2 Hebammen. Der Arzt sagte mir, dass er jetzt eine Geburt mir Saugglocke versuchen möchte. Falls ein Dammschnitt notwendig ist kann man den Bereich mit der Lokal Anästhesie nicht mehr gut Betäuben, wenn die Saugglocke gesetzt ist, daher wird das vorsorglich sofort gemacht.

Es dauerte nicht lange, da sah ich für einen kurzen Moment auch schon eine große Schere. Etwas später sah ich Sie dann auch noch ein zweites Mal.

Der Arzt meine ich muss jetzt wirklich dringend noch mitarbeiten aber irgendwie habe ich zu dem Zeitpunkt schon aufgegeben. Ich lag seit 26h in den Wehen und war seit über 43h wach.

Mein Mann wurde aufgefordert meinen Kopf zu halten und nach oben zu drücken. Links und rechts von mir standen 2 Männer, die sich plötzlich auf meinen Oberkörper schmissen und zeitgleich rammten mir 2 Hebammen meine abgewinkelten Füße Richtung Kopf. 

Ich schrie den Arzt an und sagte ihm, dass ich nicht mehr kann und sie aufhören sollen denn sie bringen mich um.

Bei jedem weiteren Versuch spürte ich immer wieder wie mein Kind in mir, mit einer unglaublichen Gewalt, in meinem Bauch nach unten geschoben wurde und unten abprallte und nach oben zurück rutschte.

Maximilian, es tut mir unglaublich leid aber ich hatte keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mithelfen.

Kurze Zeit später sah ich ohne Vorwarnung endlich für 1 Sekunde mein Kind. Der Arzt hielt ihn hoch und befreite seinen Hals von der Nabelschnur. Er war fast schwarz, hat nicht geschrien und lag leblos auf der Hand des Arztes. Ich hörte noch wie der Arzt sagte: "Abnabeln." Ich schrie: "er lebt ja nicht, er lebt ja gar nicht" und schaute verzweifelt in das Gesicht des Arztes.

Da war mein Kind auch schon weg.

Ich wurde mit meinem Mann alleine im Kreißzimmer zurückgelassen. Es dauerte ewig bis endlich wieder jemand zu uns kam. Jedoch nicht um uns zu informieren was mit unserem Kind ist, sondern es war eine Ärztin, die kam um den riesen Damm- und Scheidenschnitt wieder zusammen zu nähen.

Ich lag da, mein Mann saß neben mir, und ich versuchte von der Ärztin herauszufinden was mit meinem Kind los ist. Alle Personen, die zu uns in das Kreißzimmer kamen, vertrösteten uns immer wieder mit der Aussage, dass der Kinderarzt bei unserem Kind ist und wir sobald wie möglich darüber informiert werden wie es ihm geht.

Um wieder zu Kräften zu kommen wurde mir Hühnerfleisch gebracht, dass ich aß, obwohl ich seit Jahren Vegetarier war.

Ich verlangte nach einer Halswehtablette denn irgendwie war mein Hals zu diesem Zeitpunkt das Körperteil, das mir am meisten weh tat.

Eine Halswehtablette habe ich nie erhalten. 

Irgendwann kam endlich eine Hebamme zu uns, die uns sagte, dass es unserem Kind nun gut geht. Sie nahm meinem Mann mit auf die Neonatologie.

Ich lag nach wie vor da und wurde zusammengenäht.

Etwa eine halbe Stunde später kam mein Mann zurück und zeigte mir die ersten 2 Fotos unseres Sohnes.

Die Kabel haben mich nicht schockiert, denn darauf war ich eingestellt. Ein Kind auf der Intensivstation ist eben mit Schläuchen und Kabel versehen. Ich sah die Bilder und stellte fest, dass ich absolut keine Verbindung zu meinem Kind habe.

Um 23:26 Uhr hat Maximilian das Licht der Welt erblickt. Nach dem endlich der Kopf zu sehen war, griff der Arzt in mich und packte Maximilian an der Schulter um ihn herauszuziehen. Um 3:30 Uhr sah ich Maximilian das erste Mal. Mit einem Rollstuhl wurde ich zu ihm geschoben.

Da lag er. In diesem Kasten mit Schläuchen und Kabeln. Mit verkrampften und verdrehten Händen. Ich sah ihn an und ich dachte mir das kann doch nicht mein Kind sein.

Ich weiß nicht mehr wie lange ich dasaß, aber ich wurde dann auf meine Station gebracht um mich auszuruhen. Ich glaube 2h schlaf wurden mir gegönnt, bis mich die Krankenschwerster der NEO anrief, denn mein Kind hatte Hunger.

Absolut hilflos und vor Schmerzen in meinem gesamten Körper, war es mir beinahe unmöglich aus dem Bett zu kommen um auf die andere Station zu gehen. Jedoch wusste ich, dass mein Kind weint. Ich riss mich zusammen und in diesem Moment wurde mir klar, dass es egal ist, dass es mir wirklich schlecht ging. Ich musste ab jetzt funktionieren.

Schockiert darüber, wie wenig Hilfe ich im Krankenhaus nach so einem Erlebnis bekam, fand ich mich damit ab, und redete mir ein, dass es dann wohl eine schwierige normale Geburt gewesen sein. Erst bei der Traumatherapie wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es definitiv eine katastrophale und schwierige Geburt war.

Als ich zu meinem zweiten Kind schwanger war vereinbarte ich mit dem Arzt der Maximilian entbunden hat einen Termin. Auch er wies mich noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass es tatsächlich richtig knapp war und Maximilian, der ohne Herzaktion zur Welt kam, richtig großes Glück hatte.

Die verkrampften Hände haben sich gottseidank von alleine gegeben. Den gesamten rechten Arm konnte er anfangs nicht Bewegen aber durch Physiotherapie kannte man auch da bald nichts mehr.

Immer wieder bin ich unglaublich dankbar dafür, dass wir Glück hatten. Für die Geburt unserer Tochter entschied ich mich trotz dem großen Wunsch einer natürlichen Geburt zu einem Kaiserschnitt.